Vom Monster am Meer und im Kölner Stadt-Anzeiger

„Das Monster und mein Meer“ – diese Überschrift könnte einen Buchdeckel zieren. Gleich vorab: Von mir ist sie nicht. Irgendwie wartet man beim Lesen dieser Zeile auf den alten Mann, der gleich um die Ecke kommen muss. Tut er nicht. Diese Monster-Überschrift ziert das Titelblatt des Kölner Stadt-Anzeiger am 07.08.2026. Sie ist integriert in das Foto, das oben auf der Seite den Verkauf der Zeitung fördern soll. Und natürlich auf den ihr zugehörigen Text verweisen soll. Fast ist es ein Schmuckfoto. Wäre da nicht dieses Monster. Am Meer.
Wobei: Das Monster ist recht hübsch und für ein Monster eigentlich zu klein. Es handelt sich um eine Portugiesische Galeere. Blaues Meer, blauer Himmel, Sandstrand und blaue Galeere mit langen Tentakeln. Spätestens jetzt verzichten Sie darauf, nach alten Männern oder gar nach Hemingway Ausschau zu halten. Das Monster liegt am Strand und es trägt einen schmucken Kragen mit lila getöntem Rand. Fast sind wir so mit dem Anblick der Qualle, also einem Berg quaddeligen Fleisches nicht gefühlter Konsistenz, versöhnt.
Sie begreifen: Hier ist die Rede von Grenzüberschreitungen. Die Autorin, sie ist Redakteurin des Kölner Stadt-Anzeiger, hat natürlich die Gelegenheit genutzt, im Urlaub das Foto des Jahres – nein, ihres Jahres – zu machen. Immerhin: Die Bild-Zeitung macht dieses Monster zur Killer-Qualle. Die Redakteurin ist diesem Killer also leibhaftig begegnet – und kann erzählen von Begegnungen aus dem Urlaub. Mit den Menschen, die der Qualle, diesem Monster, das zwar nicht killt, aber erheblich quälen kann, ausweichen. Genauer gesagt: Sie meiden das Meer – oder sollten es zumindest.
„Das Monster und mein Meer“ – nach dieser semiliterarischen Einleitung erwarten Sie als Leser eine Reportage. Von jemandem, dem das Meer offensichtlich gehört. Von jemandem, der vor Ort war. In der Papierausgabe müssen Sie dafür auf die Seite „Panorama“ blättern – online sind Bild und Text aus einem Guss. Das Ich aber, welches auch immer es ist, schreibt gar nicht. Das stellen Sie schnell fest. Denn die Fotografin, die eigentlich Redakteurin ist, hier aber das Foto ihres Jahres gemacht hatte, berichtet zwar aus dem Urlaub. Ihr Ich aber tut es nicht. Der Artikel ist eher Bericht als Reportage. Also ein Feature. Ganz ohne Ich und Innenschau. Und natürlich spricht die Autorin nicht über ihr Meer. Alles recht so.
Der Artikel informiert, so wie es sein soll, über das Wesen und Unwesen der Quallen. Die, weil sie blasenförmig sind, es in ihrer griechischen Namensherkunft mit der Kapstachelbeere aufnehmen. Beide heißen Physalis, beide bestechen auf ihre Art. So ein Zufall.
Es ist also alles, wie es sein sollte: Ein Journalist fährt in die Welt, sieht etwas und berichtet uns. Vor Ort sammeln ihre Kollegen die dazugehörenden Infos und machen daraus einen Artikel, wie er viel besser nicht sein könnte. Die Frage: „Wem gehört denn überhaupt das Meer“ ist hier lächerlich. Natürlich niemandem. Selbst wenn Staaten und Grenzen anderes verzeichnen. Das wirkliche Problem liegt woanders: Warum titelt der Kölner Stadt-Anzeiger mit „mein“ „Meer“ und „Monster“, wenn die Fotografin nicht einmal von ihrem Urlaub schreibt? Die Alliteration, keine Frage, ist ein Musterbeispiel für den Schulunterricht. Die Suggestionskraft der Überschrift aber ist gewiss ein Fall für die Soziologen.
„Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ – die Sparkassen hatten in den 90ern noch nicht geahnt, dass das Meer käuflich sein könnte. Die Redakteure im Kölner Stadt-Anzeiger wissen vermutlich auch, dass es immer noch nicht so weit ist. Zumindest im Prinzip nicht.
Nein, mein Meer – das ist mein Urlaub. Und das sind wir alle. Während die Fotografin uns nur das schöne Bild einer gefürchteten Qualle als Urlaubsgruß und Nachricht zukommen lässt, manifestiert der Kölner Stadt-Anzeiger unser aller Anspruch aufs Meer. Zu befürchten ist, dass er damit nicht einmal baden geht.
Ich ahnte es längst – und Sie bestimmt auch: Deutschlands Mitte ist grün und das blaue Meer, wie man hier sieht, nur ein Teil ihres Vorgartens. Diese neue grüne Spießbürgerlichkeit hat nicht nur die Ämter, nein, sie hat längst die Medien erobert. Vielleicht waren die Medien, wie so oft, auch zuerst da. Mein Meer. Die Portugiesische Galeere dringt in mein Meer vor. So zeigt es mir der Kölner Stadt-Anzeiger heute auf dem Titelblatt.
Wenn das keine Grenzüberschreitung ist ….
© Mechthild Eissing
