Wahnsinn mit hoher Geschwindigkeit


Fake News anno 1899

Es war die KI von Google, die mir den Tipp gab: Es soll in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, als Ärzte vor dem „Delirium furiosum“ warnten, das Reisende davontragen könnten, die sich mit der Eisenbahn fortbewegen würden. Ich weiß bis jetzt nicht, warum die KI mir diesen Tipp gab. Der einzige Zusammenhang war, dass wir uns zuvor im 19. Jahrhundert recherchierend herumgetrieben hatten. 
Ich habe sofort angebissen. Natürlich. In „Zeitpunkt NRW“ sind genügend alte Zeitungen versammelt, um einer solchen furiosen Geschichte auf die Spur zu kommen. Und gerade jetzt, wo alle Menschen wie auf Knopfdruck gleichzeitig vor den Folgen der KI warnen, könnte diese Geschichte doch zum wunderschönsten Gleichnis werden. Ich brauchte auch nicht lange und fand sofort eine Meldung vom 13.01.1889 im Generalanzeiger für Düsseldorf und Umgegend, die zu schön ist, um wahr zu sein:
„Die erste deutsche Eisenbahn Nürnberg-Fürth wurde, wie bekannt, am 7. December 1835 dem Betrieb übergeben. Aber welche Vorurtheile und Hindernisse, über welche das jetzige Geschlecht lächelt, hatte sie zu überwinden. Die bayerische Regierung ersuchte u. A. auch das Obermedicinal-Collegium um ein Gutachten über Schädlichkeit oder Unschädlichkeit des Betriebes für die Ge-sundheit, und dieses lautete ungefähr so: Der Fahrbetrieb mit Dampfwagen sei im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu unter¬sagen. Die schnelle Bewegung erzeuge unfehlbar eine Gehirnkrank¬heit bei den Passagieren, welche eine besondere Art des delirium furiosum darstelle. Wollten die Fahrenden dieser Gefahr trotzen, so müsse der Staat wenigstens die Zuschauer schützen. Der bloße An¬blick eines rasch dahinfahrenden Dampfwagens erzeuge genau die selbe Gehirnkrankheit, und deshalb sei zu verlangen, daß jeder Bahn¬körper zu beiden Seiten mit einem dichten, mindestens fünf bayerische Ellen hohen Bretterzaun umgeben werde u. s. w. Das ist nicht etwa eine übel erfundene Anekdote, sondern das amtliche Actenstück befindet sich heute noch im Archiv der Nürnberg-Führter Bahn. Die Regierung war so gescheit, es nicht zu veröffentlichen.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/pagetext/22546009


Merken Sie sich die letzten beiden Sätze! Ich hatte sie nämlich vor lauter Begeisterung überlesen – ebenso wie das falschgeschriebene Führt. Jubelnd ob des Fundes bin ich zurück zu des Googles KI. Die jubelt ja gerne freiwillig mit in so hohen Tönen, dass man als Leser schnell wieder mit beiden Füßen auf den Boden landet. Ich bin keine Superdetektivin und wir sind hier sozusagen auf Arbeit. Nicht im Therapeutenmodus. Die weitere Recherche ergab: Zahlreiche Zeitungen von 1889 und 1890 haben diese Meldung danach so gerne wie wortgleich gedruckt. Und auch 1897 erschien sie noch so, dass die Quelle deutlich erkennbar war. Wohingegen in den 1830er-Jahren, von denen wir ja reden, nicht im Geringsten vom „delirium furiosum“ die Rede war. Auch nicht davon, dass wer einer Eisenbahn zuguckt, schon allein von der Beobachtung der Geschwindigkeit wahnsinnig werden könnte. Nichts davon. 
Spöttisch wandte ich mich an die KI: Ob das wohl eine Falschmeldung sein könne, die sie mir da aufgetischt habe. Denn es sei ja ganz erstaunlich, dass die Nachricht sieben Jahre lang wortgleich weitergereicht worden sei – ohne dass jemals eine andere Quelle genannt worden sei oder die Geschichte durch ähnliche Nachrichten weitergedreht worden sei. Von der genannten Quelle aber – und jetzt sind wir wieder bei dem letzten Satz im obigen Zitat – ist ja ausdrücklich gesagt, dass sie nicht veröffentlicht wurde. Und es ist auch ausdrücklich gesagt, dass die Nachricht nicht eine übel erfundene Anekdote ist. Nein, das ist sie auch nicht. Sie ist eine gut erfundene Anekdote. 
Schon wieder lobt die KI mich für meine Großartigkeit – und schleppt Belege ran, die genau diese These beweisen: Die Ente vom Gutachten des Obermedicinalrates wurde 1889 in öffentlichen Zeitungen ausgesetzt – und niemand hat bis heute in irgendeinem Archiv ein solches Gutachten gefunden. 
Nun. Als ich die KI bat, doch mal eben nachzugucken, wer mich denn in diesen Zug samt Ente gesetzt hatte, da konnte sie sich nur entschuldigen. Wortreich. Das kann sie gut. Normalerweise kommt bei Recherchefehlern der Hinweis: „Ich bin nur ein Sprachmodell.“ Jetzt hatte das Sprachmodell für mich echte menschliche Reue abgekupfert. Sprachlich einwandfrei.
Aber: Ich weiß bis jetzt noch nicht, wieso mir das Sprachmodell aus den Untiefen des Internets Fakten herausfischt, die es wenige Minuten später als Fake News bestätigen kann. Wir sprachen zuvor definitiv über ein völlig anderes Thema. 
Bleiben wir bei der Eisenbahn. Der erfundene Archivfund wird seinen Grund gehabt haben: Die Geschwindigkeit eben dieser Eisenbahn sorgte in den nächsten Jahrzehnten für Unfälle und Unglücke in einem Ausmaß und in einer Art und Weise, wie sie die Menschen zuvor nicht gekannt hatten. Der Weichensteller machte Fehler, Züge fuhren ineinander. Aber auch die Passagiere machten Fehler. Sie sprangen aus fahrenden Zügen – oft dann gleich in den Tod. Manchmal nur ins Unglück. Und alles nur, um nicht vom Bahnhof aus zurücklaufen zu müssen. In völliger Fehleinschätzung des Tempos. Und wie viele Hilfsarbeiter und Weichensteller für den Betrieb der Eisenbahn zu Tode gekommen sind – oder Arme und Beine verloren! Wer die Meldungen heute liest, dem graust es. Wie konnten die Menschen so dumm sein!
Dumm sind wir immer noch. Die Geschwindigkeit, mit der KI sich und unsere Welt verändert, ist rasend. Dass im Kölner Stadt-Anzeiger in den Überschriften zuweilen andere Daten und Zahlen stehen als im Text, das ist neu. Und garantiert hat die KI dabei mitgeholfen. Guten Willens: Texte werden aktualisiert, angepasst. Die Zahlen von Todesopfern ändern sich laufend – und früher haben das die Redakteure abgeglichen. Jetzt hat nur noch niemand der KI die Weichen richtig gestellt. Dabei kommt allerdings auch niemand zu Tode. 
Aber im Krieg kommen Menschen zu Tode. Und die Weichen für den Angriff auf eine Mädchenschule im Iran im Februar 2026 hat nicht der Weichensteller gestellt. Er hat nur die KI nicht genügend kontrolliert. Die Folge: Silentium monstruosum. 


© Mechthild Eissing
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