Die KI macht Frauen zu Hohlköpern - und hat die schreckliche Geschichte derer nicht im Blick, die in den Konzentrationslagern zu Haut und Knochen wurden

Fing das alles mit der Magersucht an? Oder wann fing das mit der Magersucht an? Und wer stellte ihr die Fettsucht zur Seite? Dass das Schlankheitsideal in den Wahn geriet, ist hier nicht die Nachricht. Aber als der Wahn in die KI geriet, wurden Körperformen möglich, die dem Laien an der Bildbearbeitungssoftware zuvor durchgängig misslingen mussten. Nun aber wird uns online serviert, was die Perversion der Mageren ist: Junge Frauen, deren Bäuche so hohl sind, dass undenkbar ist, wo sie denn nach ihrer Bilderstehung ihre Organe versteckt haben sollen. Wenn Sie Glück haben, sehen Sie nur solche Fotos, die einen viel zu schmalen und eingeflachten Bauch zeigen. Gerade ist ein solches Bild im World-Wide-Umlauf. Der Frauenkörper trägt unter dem Hohlbauch einen Slip in Knallpink. Der (fast abgeschnittene) Schriftzug Reebok ist so aufgesetzt wie richtungsweisend: Es geht um Fitness und Selbstüberwindung. Aber es gibt auch an anderer Stelle ein anderes Bild – nicht Abbild – einer Frau, deren Kopf und Gesicht keinerlei Spuren von Krankheit, Unglück, Auszehrung oder Leiden widerspiegeln, deren Körper aber bis zur Unkenntlichkeit verdünnt ist. Die Arme zerbrechlich. Sie mögen nur noch Knochen sein. Das Fett ist abgesaugt. Nicht im OP. Sicher im PC. Sollen wir das noch Gerätemedizin nennen? Nein, nicht so zynisch. Wir sind bei Gerätemodulation. Und die KI schuf das Bild der Frau. Nicht einmal eine Rippe brauchte sie dafür.
 

Das Schrecklichste am Bild der Frauen mit Hohlkörper: Der Hohlkörper ist das Ziel. Der Horizont der Schönheit. Und wer dorthin will, der klickt mitten ins Bild. Und dann, ach Gott und oh Schreck, begegnet uns statt jugendlicher Schlank- und Schönheit eine fettleibige Frau in voller Verzweiflung. Diagnoseblatt vor dem Kopf, Röntgenbild auf dem Tisch, Kaffeetasse auch. Und dazu eine Dose mit Pillen. Die Stirn kraus und verzweifelt, das Sweatshirt aufgrund der Leibesfülle mehrfach gewellt. Nein, so wollen wir nicht enden. Zurück auf Anfang: Das Werbebild des unterhosigen Frauen-nicht-Bauches, das niemand mehr schön wird nennen wollen, ist untertitelt mit: Gesundheits-Fokus. Und dazu das Versprechen, mit nur einem Löffel am Tag verschwinde sichtbar das Bauchfett.

 

Mühelos also erreicht die Abbildung der Schönheit von morgen eine Fleischlosigkeit und Muskelschwäche, nein, eine Körperauszehrung, die die Fotos aus der Vergangenheit übertrifft. Ich meine die verhungerten, ausgemergelten und geschundenen Menschen in den Konzentrationslagern. Die KI kann das: Sie kann das körperlich Unmögliche mühelos ins bildhaft Schöne wenden, sofern wir mager und schön tatsächlich gleichsetzen wollen. Nein, eine Verspottung des Leides der Menschen, die die Konzentrationslager überlebt und derer, die sie nicht überlebt haben, ist von der KI nicht beabsichtigt. Und auch der Mensch, der am anderen Ende der KI darüber nachgedacht hat, wie dieses Bild am wirkungsvollsten sich gestalten lässt, hat, und da bin ich mir ganz sicher, diesen zynischen und verachtenden Spott nicht im Kopf gehabt. Was er im Kopf gehabt hat, wollen wir hier vielleicht aber gar nicht wirklich wissen.


Dass aber wir alle die Bilder dieser hageren, ausgezehrten Menschen, deren Menschlichkeit auf die nackte Existenz reduziert ist, der Menschen mit Streifenanzügen, oft ohne Haare, dafür aber mit Nummern auf dem Arm, mit Augen so hohl und schwarz, dass sie leblos scheinen, dass wir alle diese Bilder im Hinterkopf und im Unterbewusstsein haben, daran kann kein Zweifel bestehen. Der Aufklärung über das Elend und das Leid, über die Unmenschlichkeit und Gewalt des Dritten Reiches folgte in meiner Schulzeit das gestöhnte Entsetzen: „… nicht schon wieder“, wenn es eine neue Unterrichtseinheit zum Thema geben sollte. Doch die Bilder, die gaben hinter den Augen und Händen unserer Eltern untereinander weiter. So befremdet und so entsetzt waren wir. Es gab die Schüler, denen es verboten war, den Film „Der Holocaust“ zu gucken. Und es gab die Schüler, denen es geboten war, den Film „Der Holocaust“ zu gucken. Das war 1979. Und die Schüler, denen es geboten war, die Serie zu sehen, zeigten den Schülern, denen es verboten war den Holocaust veranschaulicht zu bekommen – nicht aus ideologischen Gründen verboten, nein gar nicht, das waren psychologische Gründe, die verkraften das nicht, diese jungen Schüler – die Bilder eines unvorstellbaren Grauens. Und wir sind bildlich noch nicht bei den zu Bergen aufgehäuften Leichen, die nach der – nein, Befreiung wollen wir hier nicht sagen – nach dem Kriegsende, so sagen wir dann lieber, sichtbar wurden. Offenbar wurden sie. Offen war zu sehen, was auch vorher nicht ganz verschlossen gewesen sein kann.

Zurück auf Anfang: In den 20er-Jahren des 20. Jahrhundert kamen die Fettsucht und die Magersucht in der Tageszeitung zum Ausdruck im Rahmen von Ernährungslehren. Vorher hatte die Anorexia als nervöse Krankheit gegolten – nun werden Veranlagung Ursache und Ernährung als Heilmittel diskutiert. Die neue Sicht: Zwei Süchte, die sich nicht begegnen und doch verwandt sind.

Doch die Hoch-Zeit der Magersüchtigen begann erst sehr viel später: Ende der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Zeitgleich zur Holocaust-Serie. Nein – kausal ist das nicht. Darf das nicht sein, kann das nicht sein. Aber die Magersüchtigen sind oft die Kinder der ersten Kinder der Nachkriegszeit. Es sind die Enkel derer, die unter der Gnade der späten Geburt gelitten haben. Es sind die Kinder der Eltern, die schon satt werden konnten ohne die Dankbarkeit dafür aus der Erinnerung an den vergangenen Hunger heraus empfinden zu müssen. Die Magersüchtigen der 80er-Jahre müssen alle die Bilder des Holocaust gekannt haben.

Nein, kausal ist das nicht. Niemand, der diese Bilder gesehen hat, eifert im Hunger dem Leid und der Qual derer nach, die auf ein vegetierendes Lebenslevel immer nahe am Tod hingeprügelt, hingeschrieen, hingetreten worden sind. Wirklich niemand. Das ist nicht kausal. Und Twiggy – fragen Sie jetzt vielleicht. Twiggy streitet alles ab, aber die Debatte hatte begonnen. Und die Angst vor der Magersucht. Mit Twiggy als Vorbild war es in deutschen Familien also möglich, die Elterngeneration in Angst zu versetzen, die die Bilder des Holocausts hatte vergessen wollen.

Die Magersucht als Schönheitsideal – am Ende dieses Textes triumphiert sie immer noch. Sie nämlich ist es, die das Grauen und die Erinnerung an dieses Grauen besiegen können soll in schöner Gestalt. Sie ist es, die triumphierend, nicht nachempfindend, das Bild des Leidens zur Schönheit erhebt, indem sie den geschundenen Körpern einen Kopf mit Lächeln aufsetzt. Die KI macht’s möglich. Die Menschen aber, die den Ausweg aus der Magersucht nicht mehr finden, leiden unter Umständen bis zum Tod.

Sucht kommt übrigens von Siechen.


© Mechthild Eissing, April 2026